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Nostradamus Buch kostenlos

 

Der größte Sünder aller Zeiten

Ein einfach zu lesender, historischer, spiritueller Roman über das Leben des Nostradamus, dem berühmten Propheten aus dem 16. Jahrhundert.

Nach einer glücklichen Kindheit, kämpft Michel de Nostredame als junger Arzt, während dem letzten Teil des Dunklen Mittelalters in Frankreich, erfolgreich gegen die Pest. Doch dann widerfährt seiner eigenen Familie ein großes Unglück, das sein Leben total zerstört…

Ein Roman von Eric Mellema


Aus dem Englischen von Petra Schardt



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© 2006 Eric Mellema
Alle Rechte vorbehalten



Einen Dank an:

Petra Schardt
Maria-Bonita Kapitany
Jack van Mildert
Liesbeth Gijsbers
Moene Seuntjens
Marleen van Haeren
Ria Adriaensen
Els Pellis
Guus Janssens
Ronald Mengerink
Arthur Hendriks

Einen besonderen Dank geht an Trudi Koning.



Die verwendeten Vierzeiler stammen aus „Die Prophezeiungen“ (Nostradamus' Buch).



Kapitel 1



"Brr, ist das bitter kalt hier drinnen!"
"Hör auf zu jammern, Merkur. Es sind doch nur noch einunddreißig Tage, bis dass du wieder umgedreht wirst."
"Wer ist da?"
"Ich bin es, Hermes, dein höheres Selbst."
"Hermes, dich schickt der Himmel! Ich bin schon ganz verrückt von diesen eintönigen Drehungen um meine eigene Achse."
"Nun, dann will ich dir berichten, dass Zeus entschieden hat, dass dein Auftrag beinahe beendet ist. Du musst nur noch für eine kurzes Weilchen zu Fleisch werden, bevor du endlich strahlen darfst."
"Und woher weißt du das alles?"
"Ich bin schließlich der Schnellste in der Milchstraße und halte stets die Ohren offen. Zudem ist es meine Aufgabe, Botschaften zu überbringen."
"Wie viel länger muss ich noch ausharren?"
"So lange, bis dass du mit der Sonne und der Erde in einer Linie stehst - also nicht mehr allzu lange."
"Hmm, das ist zumindest mal eine Abwechslung, als immer nur ein toter Planet zu sein. Mein einziger Zeitvertreib, den ich hier habe, ist Schockwellen und Sonnenbäder verursachen."
"Du wirst dieses einfache Leben noch vermissen, mein materieller Bruder, aber hab noch etwas Geduld."

Einen Monat später ereignete sich auf dem Planeten Erde eine außergewöhnliche Geburt. Ein Mensch mit bis dahin noch unbekannten prophetischen Gaben erblickte das Licht der Welt. Die Dorfgeburt des Astrologen ereignete sich gleich zu Beginn der Renaissance, in dem französischen Städtchen Saint Rémy de Provence. Auf einem herrschaftlichen Anwesen hinter den Markthallen, dort wo die Händler schon seit langem ihre Waren auf der Straße lautstark feilboten, hatten die Wehen eingesetzt. Reynière de Nostredame hatte zwar das Geburtsdatum sorgfältig voraus berechnet, dennoch kam das Einsetzen der Wehen völlig unerwartet. Um die optimale Position der Planeten zu erwischen; hatte der Kleine wohl eine etwas frühere Geburt im Sinn gehabt. Der auffallend große Schleimpfropfen, der den Gebärmutterhals während der Schwangerschaft verschlossen hält, hatte sich vor kurzem gelöst. Es war das Zeichen dafür, dass die Schwangerschaft sich ihrem Ende näherte. Als Reynière etwas Blut verlor, ließ sie ihren Vater, Jean de Saint Rémy, zu sich rufen; er war der Leibarzt von König René dem Guten, dem ehemaligen Grafen der Provence. Sie lag schweißgebadet auf dem Bett, als ihr Ehemann Jacques, der in den Stand eines öffentlichen Notars aufgestiegen war, zusammen mit ihrem Vater hastig eintrat.
Die Wehen waren jetzt regelmäßig und wurden immer schmerzhafter, bis sie an deren Höhepunkt plötzlich aufhörten. Ihr Vater schaute besorgt drein und tastete fachmännisch den Bauch seiner Tochter ab. Erleichtert stellte der Arzt fest, dass das ungeborene Kind sich noch immer bewegte, und dass Reynière verhältnismäßig normal Fruchtwasser verlor. Reguläre Wehen setzten wieder ein und kurz darauf platzte die Membrane. Die Geburt war eingeleitet. Langsam öffnete sich Reynières Leib, damit das Kind heraus gleiten konnte. Der Gebärmutterhals, der während der Schwangerschaft eng zusammengezogen war, öffnete sich nun nach und nach. Obwohl der wunderliche Neuankömmling so sehr kämpfte, als ob sein ganzes weiteres Leben davon abhinge, verlief die Austrittsphase komplikationslos. Die Wehen dauerten gerade einmal knapp zehn Stunden. Doch dann erschien endlich das kleine Köpfchen und die Welt wurde von weit geöffneten Augen kritisch aufgenommen. Jean und Jacques kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und sahen sich freudestrahlend an. Als nächstes erschienen die Schultern, nach denen dann der Rest des winzigen Körpers problemlos herausgerutscht kam.
"Michel", begrüßte stolz die Mutter das nasse kleine Bündel.
Vorsichtig hob Jean das leicht blutverschmierte, noch immer mit der Nabelschnur verbundene Kind an und legte es der Mutter auf den Bauch. Der Knabe war mit einem Caul*, einer Glückshaube, zur Welt gekommen. Michel de Nostredame erschien exakt um zwölf Uhr mittags des 14. Dezember im Jahre 1503, mit den Kirchenglocken von Saint Rémy im Hintergrund laut läutend. Seine Eltern waren überglücklich über ihr erstes Kind, das eine sichere Zukunft als Katholik vor sich haben würde, trotzdem Jacques und Reynière Nachkommen alter jüdischer Familien waren. Auch wenn noch vor einigen Jahren alle Juden unter Todesqualen dazu gezwungen wurden, zum Katholizismus zu konvertieren, stand dennoch immer eine Menorah bei ihnen auf dem Tisch. Sie symbolisierte das jüdische Lichterfest Hanukkah, welches in diesem Monat zelebriert werden würde. Anlässlich dieser besonderen Festtage wurde die Tradition still und leise geehrt und Jacques las dazu immer aus dem Talmud vor. Dieses Mal allerdings sprach er, umgeben von der ganzen Familie, feierlich zu seinem Sohn und erzählte ihm, dass der Talmud über die Wunder von Hanukkah spricht. Doch Michel, der fest in Windeln eingepackt war, hörte lediglich die väterliche Stimme.
Als der Kleine anfing die Welt zu entdecken, erst auf allen Vieren und später dann auf seinen Beinchen, stellte er sich als ein sehr wissbegieriger kleiner Junge heraus. Alles was in Sichtweite war wollte er erkunden und jeden Gegenstand genau untersuchen. Voller Enthusiasmus attackierte er Besucher und liebte es geradezu, mit deren Haaren zu spielen. In kürzester Zeit verlegte er seine Grenzen ins Freie, wo er andere Kinder seines Alters einfach ignorierte. Er dachte von ihnen, dass sie sinnlos herumspielen würden. Einmal sogar löschte er mit Wasser das Feuer im Kamin, vor dem er dann davor saß und mit großer Faszination die Dampfwolken beobachtete.
Während seinem ersten Marktbesuch kam dann seine Begabung erstmalig ans Licht. Die Familie schlenderte vorbei an den Ständen, die Ware ausstellten. Michel, mit seiner kleinen Größe, hatte hingegen sein Vergnügen damit, herauszufinden was so alles unter den Holztischen herumlag: Fischreste, faulende Früchte, blutiger Abfall, kaputte Jutesäcke, die eine oder andere Ratte die an etwas herumnagte und unzählige scharrende Füße. Seine Mutter behielt ihn dabei ständig im Auge. An einem Stand mit Glaswaren blieb dann die Familie De Nostredame stehen und wollte dort etwas Hübsches für die kommenden Feiertage kaufen.
Trinkgläser sah man im vergangen Jahrhundert einzig bei der gesellschaftlichen Elite, doch gegenwärtig wurde Glas nun als Massenware produziert und machte es für jeden erschwinglich. Schnell griff der eifrige Markthändler nach der zerbrechlichsten Schale, klemmte sie zwischen seine Zähne und versuchte, die junge Mutter damit zu beeindrucken.
"Sehen Sie, Madame, Geschirr aus Keramik, Holz oder Zinn sind zwar sehr praktisch, aber auch sehr hässlich. Glasgeschirr dagegen ist jetzt der absolute Renner!" Reynière hörte ihm belustig zu, während sie ihr Kind an sich gedrückt hielt.
"Es gibt die verschiedensten Arten von Glastrinkbechern", fuhr er fort. "Sehen Sie her! Wunderschöne Becher mit einem hohlen, trichterförmigen Stiel oder hier… niedrige, kelchähnliche Gläser mit hohem, zierlichem Stiel. Dahinter sehen Sie zylinderförmige Becher mit einem Pünktchenmuster verziert…"
"Und was ist das für eine Art?", fragte sie.
"Das sind Berkemeiers, Madame. Trinkgläser mit einem trichterförmigen Becher und einem fein gerillten Fußring." Da diese Familie aussah als ob sie Geld zum Ausgeben hätte, holte der Händler alles was er hatte aus dem Schrank hervor. Jacques meinte, dass die gerillten besonders schön wären.
"Die gerillten sind sehr beliebt", wiederholte der Händler sofort, "natürlich außer den Trinkschalen, Krautstämmen und Berkemeiers."
"Wofür sind diese Rillen überhaupt gedacht?", erkundigte sich Reynière.
"Die Rillen, ebenso wie das Pünktchenmuster, verleihen dem Glas einen besseren Griff."
"Und welche von denen verkaufen Sie am meisten?", fragte der Ehemann.
"Die Glastrinkgefäße werden einem aus der Hand gerissen. Dinge, die zum Ausgießen gedacht sind, wie zum Beispiel Flaschen, sind sehr teuer."
Dieser Spezialist schien der einzige in der Umgebung zu sein der eine derart große Auswahl an Glaswaren besaß und er brachte stolz seine schönste Flasche zum Vorschein. Die Familie war von seinen Waren absolut begeistert und Jacques fragte, ob er sich die Flasche etwas näher ansehen dürfe.
Der kleine Michel, der sich die ganze Zeit über vorbildlich benommen hatte, starrte nur still auf die halbvollen Kisten unter dem Tisch. Über ihm griff Jacques ungeschickt nach dem gläsernen Ausstellungsstück, das ihm auch prompt aus der Hand rutschte. Da jedoch überraschenderweise der erwartete Bruch ausblieb, richtete jeder seinen verblüfften Blick nach unten. Mühelos hatte dort ihr Sohn die teure Flasche aufgefangen und führte dieses himmlische Geschenk nun an seine Lippen, woraufhin der Besitzer ihm es eiligst aus seinen kleinen Händen entriss. Nach vielen Entschuldigungen und ohne etwas zu kaufen, ging die Familie enttäuscht wieder nach Hause. Als sie dort ankamen war der Vater, der mit dem Schrecken davon gekommen war, voll des Lobes für seinen Sohn.
Die Erziehung des Jungen überließen die Eltern ganz dem Großvater, denn sie wussten, dass er bei dem Gelehrten Jean in den besten Händen war. Der ehemalige Hofarzt und Astrologe lehrte seinem Enkelsohn außer Mathematik auch noch Altgriechisch, Latein und Hebräisch und führte ihn zudem hin zur Astrologie. Jean nahm ihn auch des Öfteren nachts mit hinaus vor das Dorf, damit sie zusammen in der Wiese liegen und zu den Sternen emporblicken konnten. Dort erzählte er ihm dann, dass der Nordhimmel im Winter und der Südhimmel im Sommer am besten zu sehen seien, und dass die Winterkonstellationen, wie zum Beispiel der Canis Majoris und Canis Minor - der große und kleine Hund - leicht zu finden waren, wenn man den Stern Orion als Anhaltspunkt nahm.
"Wenn ich erwachsen werde, möchte ich auch ein Stern sein", sagte sein Enkelsohn.
"Komisch, dass du das sagst. Ich dachte gerade an eine Geschichte in der jemand damit bestraft wurde, indem er als Stern ans Firmament verpflanzt worden war. Es handelte sich dabei um Orion, der seine sieben Schwestern, die Plejaden, gejagt hatte. Wegen seiner Verfolgung fühlten die Schwestern sich so bedroht, dass sie um Hilfe beteten. Die hatte wiederum zur Folge, dass die Jagdgöttin ihnen zur Hilfe herbeigeeilt war und deren Bruder mit einem Pfeil tötete. Danach wurde Orion als Stern am Himmel platziert. Aber ich weiß nicht, ob das auch bei Menschen aus Fleisch und Blut möglich ist, Michel. Obwohl… ich erinnere mich gerade, dass in den alten Schriften etwas darüber erwähnt wird. Aber wer weiß es schon? Übrigens, die Plejaden sind auch mit bloßem Auge sichtbar. Schau, genau dort sind sie", und Jean streckte seinen Arm dem nachtschwarzen Himmel entgegen.
"Die Sterne sehen aus, als ob sie einander berührten", bemerkte der Junge.
"Ja, es sieht ganz danach aus, aber in Wirklichkeit sind sie weit voneinander entfernt."
Als der Frühling endlich nahte, wurden Michel vom Großvater die Sterne Arktur, Regulus und den hellsten Stern am Frühlingshimmel, den leuchtenden Spika, gezeigt und die zusammen das Frühlingsdreieck bildeten. In diesem Sommer waren die Sterne aber nur undeutlich zu erkennen und es war erst wieder im Herbst, als Großvater das geflügelte Pferd Pegasus, das oftmals schwer zu erkennen war weil es kopfüber am Himmel steht, entdeckte. Während diesen kleinen Ausflügen lernte Michel die ganzen Konstellationen kennen, auch wenn seine Eltern ständig darüber murrten, weil er und sein Großvater immer erst spätnachts nach Hause kamen.
An einem klaren Abend, als Jean wieder einmal seinen Enkelsohn mit hinausnahm, schlug plötzlich das Wetter um. Es wurde düster. Keine Himmelskörper waren zu sehen und Michel verfluchte diese dunklen Wolken, die sich am Firmament zusammenzogen. In dieser Nacht konnte der kleine Schlingel nicht einschlafen und drehte sich in seinem Bett, das von den anderen Schlafplätzen durch lange Vorhänge getrennt war, von einer Seite zur anderen. Er war noch immer verärgert und enttäuscht, als plötzlich die Fensterläden aufgerissen wurden und ein furioser Tornado ihn aus dem Bett sog. Er schaffte es gerade noch, sich an der Fensterbank festzuhalten, während sein Körper bereits draußen herumbaumelte.
Genau in diesem Moment wurde Reynière von ihrem mütterlichen Instinkt geweckt, ihren Mann wachrüttelte und sie beide zu ihrem zu Tode erschrockenen Kind rannten. Gemeinsam zogen sie das Kind wieder zurück ins Zimmer und das Fenster danach wieder verschlossen. Nicht wirklich realisierend was geschehen war, legten sie sich wieder schlafen. Eine kurze Zeit später wurde das Fenster erneut aufgestoßen. Wieder richtete der Wirbelwind mit einer wilden Heftigkeit seine Energie auf den begnadeten Jungen. Seine Eltern jedoch waren in einem Herzschlag zur Stelle und vereitelten die Katastrophe noch bevor er aus dem Raum gesogen werden konnte. Danach wurden die Fensterläden permanent zugenagelt. Es war eine Lektion gewesen, die Michel niemals vergessen würde. Nie mehr würde er jemanden oder etwas verfluchen, schwor er sich.
Eines Tages kam eine Nachricht von Pierre de Nostredame, Michels Großvater väterlicherseits. Pierre und seine Frau lebten in Grasse und luden die ganze Familie ein, sie zu besuchen und für einige Wochen bei ihnen zu verbringen. Ebenso wie Jean, so war auch Pierre Hofarzt gewesen und im Dienste vom Sohn des Königs René dem Guten gestanden. Nachdem jedoch sein Patient in Barcelona ermordet worden war, ließ sich Pierre in der aufblühenden Stadt der Parfüme nieder.
Jacques und Reynière beschlossen, die Einladung anzunehmen. Für die Reise mussten viele Vorbereitungen getroffen werden, denn zum einen lag Grasse nicht gerade um die Ecke, und zum anderen hatten sie über die Jahre noch vier weitere Kinder dazu bekommen. Alles Buben. Es war ein lebhafter Haushalt geworden.
Einige Wochen später waren sie reisefertig und kletterten allesamt, Vater, Mutter und drei Söhne, in die gemietete Kutsche, die von einer ganzen Gruppe von Pferden gezogen wurde. Jean blieb währenddessen mit den beiden jüngsten zu Hause. Nach einigen Tagen erreichten sie Cannes, von wo aus ein Pfad sie landeinwärts Richtung Grasse führte. Die Landschaft war umgeben von üppigen, mit Bäumen bedeckten Hügeln die dazu einluden, eine Rast zu machen. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sie darauf verzichtet hätten, denn der kleine Hector war plötzlich spurlos verschwunden. Drei Stunden dauerte die Suche, bis dass sie ihn endlich zwischen einer Felsspalte fanden. Und wer fand ihn? Natürlich Michel! Nachdem Hector sich eine Ohrfeige eingefangen hatte, setzten sie ihren Weg fort. Hinter ihnen war noch ab und zu das Mittelmeer zu sehen. Da der Sommer sich seinem Ende nahte, blühten auf den Wiesen die Blumen, auf denen sich die Bienen noch die Reste für ihren Honig zusammensuchten, nur noch spärlich.
Endlich erspähten sie Grasse. Sie lag eingebettet in einer Bergsenke und war umgeben von Feldern, die erst wieder im Frühjahr ihre Blumenpracht zeigen würden. Als sie endlich in die wohlhabende Handelsstadt kamen, waren die Buben über all die Sehenswürdigkeiten ganz aufgeregt. Es gab eine Vielzahl an Gerbereien, die, so erzählte es ihnen der Vater, vor gar nicht allzu langer Zeit einen fürchterlichen Gestank verursachten. Um diesem penetranten Geruch von Leder entgegenzuwirken waren einige Grasser auf die Idee gekommen, das Leder mit einer Mischung aus Tierfett und Blumen einzulassen. Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so wurden parfümierte Handtaschen, Handschuhe und Gürtel zum letzten Modeschrei. Mühsam rumpelte die Kutsche vorbei an den vielen Geschäften die Lederwaren ausstellten, bis dass sie endlich den Place aux Aires erreichten, den Platz, wo ihre Großeltern lebten. Bertrand schwang eifrig die Kutschentüre auf, weil er nach der langen Fahrt so schnell wie möglich aussteigen und herumtoben wollte. Doch sein Vater bremste ihn ein.
"Zuerst begrüßt du deine Großeltern, junger Mann", mahnte er. Pierre kam bereits winkend auf sie zugelaufen und begann sofort damit, das Gepäck hineinzutragen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war er sehr vital und arbeitete noch immer für die Ärztezunft. Erst nachdem die drei Brüder ihren Opa zur Begrüßung geküsst hatten, durften sie endlich mit größter Begeisterung in die absolut unbekannte und ach so verlockende Stadt laufen.
"Lass sie ruhig eine Weile spielen", sagte eine müde Reynière zu ihrem Mann. "Das gibt uns wenigstens Gelegenheit, unsere Taschen in aller Ruhe auszupacken." Währenddessen tigerten die Kinder an unzähligen Parfumeuren, Seifensiedern, Destillateuren und anderen Händlern vorbei. Grasse war ebenso eine verblüffende wie auch schmutzige Stadt, in der offene Kanäle die Berge von Unrat kaum bewältigen konnten. Dessen ungeachtet, roch es wundervoll in den Straßen. Überall gab es Kisten, Taschen und Ballone die mit Blumenwasser, Öl, Wein, Lavendelseife, Kräuter und duftendem Leder befüllt waren. Der elfjährige Michel glaubte in einem virtuellen Paradies der Sinne zu sein und wurde schon bald von einem außergewöhnlichen Duft, der ihn in eine Allee lockte, verzaubert.
"Wo rennst du jetzt schon wieder hin?", fragten Bertrand und Hector überrascht. Doch Michel schwieg und folgte stattdessen der schmalen Gasse in Richtung eines überwölbten Torweges, der zur Stadt hinausführte. Unterhalb eines Steinbogens stoppte er für einen Augenblick, schloss seine Augen und atmete den Duft ein. Hier war der Duft am intensivsten. Tief inhalierte er dieses einzigartige Aroma, der gleichsam süß und schwer war. Erfüllt davon, kehrte er einige Minuten später wieder zu seinen Brüdern zurück, die noch immer auf dem Platz am spielen waren.
In dieser fantastischen Stadt, in der es am nächsten Tag noch viel aufregender werden würde - denn ein Besuch bei einer bekannten Parfümerie stand auf dem Programm - flog die Zeit nur so dahin. Großvater Pierre war nämlich mit Amalfi, der Besitzerin dieser Fabrik, befreundet und sie hatte ihm versprochen gehabt, dass seine ganze Familie eine Besichtigungstour mitmachen dürfe.
Am nächsten Morgen begaben sie sich gemeinsam mit den potentiellen Kunden, die von Nah und Fern angereist kamen, dorthin und wo Amalfi die Besichtigungstour persönlich leitete. All die betont vornehmen Leute konnten beobachteten, wie der gelangweilte Hector sich genüsslich in der Nase bohrte und dafür von seinem Vater geschimpft wurde. Amalfi plauderte unterdessen über ihre berühmte Duftreihe.
"Diese Fläschchen sind gefüllt mit verschiedenen Sorten von Eau de Toilettes und Soliflores für Frauen." Nach dieser Einleitung schlurfte die Gruppe zum nächsten Tisch, wo nun der andere Sohn, Bertrand, anfing zu stören und heimlich versuchte, die Fläschchen zu öffnen.
"Fass sie nicht an, Bertrand", warnte ihn sein Vater. Glücklicherweise bemerkte es die Madame nicht und fuhr fort: "Soliflores sind Duftwässer, die nur aus einer Blumenart, Pflanze oder Frucht erzeugt werden." Nach einer ausführlichen Aufzählung des Sortiments folgten ihr die Gäste in einen weiteren Raum, wo raffinierte Vorrichtungen aufgebaut waren.
"Dies sind unsere Destillierkolben. Die Destillation wurde von den Arabern entwickelt…" Während sie aufmerksam zuhörten, vernahmen Michel und sein Großvater wie Hector mit weinerlicher Stimme seiner Mutter sagte, er müsse ganz dringend zum Pinkeln. Dies wiederum lenkte die Firmenbesitzerin von ihrer Erzählung so sehr ab, dass sie verärgert hustete.
"In Ordnung. Geh schnell raus und sei still", befahl Reynière ihrem Sohn.
"Jasmin kommt ursprünglich aus Indien. Unlängst brachten spanische Seeleute diese Blume über Nordafrika nach Grasse. Maître Gantier schaffte es, das Monopol darauf zu bekommen", fuhr Madam fort.
"Das ist eine günstige Gelegenheit, etwas Parfüm zu kaufen", flüsterte Reynière zu ihrem Mann. Jacques stimmte dem nur müßig zu, denn er war vollauf damit beschäftigt, auf die Kleinen aufzupassen. Glücklicherweise hielten sie sich bei Pierre auf und benahmen sich im Augenblick einigermaßen. Der Vater schaffte es sogar, den letzten Teil der Geschichte mitzubekommen.
"Wenn ich ihn mit Jasmin aus dem Ausland vergleiche, so bemerke ich stets, dass Grasser Jasmin mehr Tiefe und Volumen hat. Oh, ich könnte Ihnen noch so viel mehr über unsere Parfümerie erzählen, doch es ist an der Zeit, die Führung zu beenden. Gibt es Fragen oder Kommentare dazu?" Unerwarteterweise meldete sich Michel ganz wichtigtuerisch und fragte, ob er ein paar Worte sagen dürfe. Wegen des unvorhersehbaren Benehmens seines Jüngsten, bekam der Vater Kopfschmerzen. Madame Amalfi hingegen fühlte sich über diese kindliche Bitte eher geschmeichelt und ließ ihn gewähren. Michels Herz begann schneller zu schlagen. Der kleine Prophet straffte seine Schultern und mit großer Wirkung verkündete er seine erste Prophezeiung.
"Eines Tages wird diese Parfümerie sehr berühmt sein. Dies wird sein, wegen der außergewöhnlich guten Nase eines Studenten. Sein Name ist Montesquieu. Er wird drei unglaubliche Düfte schaffen. Auf der Höhe seiner Karriere wird er dann für sich selbst ein bizarres Parfüm kreieren - mit dem Duft von frisch getöteten, jungfräulichen Mädchenkörpern. Nach seinem Tod wird der Erfolg schwinden." Damit endete der Halbwüchsige seine Ansprache und ging mit Haltung zurück zu seinen Eltern. Alle waren sprachlos. Sogar Amalfi wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Jacques entschied, seinen Sohn dafür nicht zu bestrafen, da der Junge ja alle Regeln des guten Benehmens befolgt hatte. Keiner erwähnte jemals wieder diese dunkle Prophezeiung, denn keiner konnte sich einen Reim darauf machen. Ein wenig verlegen über das Benehmen seines seltsamen Enkels, bedankte sich Pierre bei der Besitzerin für den faszinierenden Vortrag. Anschließend kehrte die Familie nach Hause zurück und langsam nahten sich die Ferien ihrem Ende.
Großvater Jean war über ihre Rückkehr sehr glücklich, ganz besonders wegen Michel, zu dem er eine ganz spezielle Beziehung aufgebaut hatte. Als die Kutsche in die Rue des Remparts einbog, suchten die beiden postwendend Augenkontakt. Im Gegensatz zu Michel, der noch immer wegen seiner gegebenen Vorstellung aufgekratzt war, fielen Hector und Bertrand sofort nach der langen Reise todmüde ins Bett. Fieberhaft diskutierte er noch mit seinem Großvater über seine absonderliche Prophezeiung und über seinen Drang, es auszusprechen. Der Junge berichtete auch, dass der Duft in Grasse irgendetwas in ihm geweckt hatte. Da Jean ihn sehr ernst nahm bot er ihm an, seine ganzen Kenntnisse, die sich auf die Astrologie bezogen, mit ihm zu teilen und meinte, dass es nun auch für Michel an der Zeit wäre, ins Bett zu gehen. Stunden vergingen, bis dass das funkensprühende Licht in seinem Kopf verblasste und er endlich einschlief.
Einige Monate später fand der Großvater einen geeigneten Moment, um seinen ältesten Enkel weiter in Astrologie zu unterrichten. Er beschloss, ihm sämtliche Einzelheiten darüber zu lehren und nahm in dazu mit hinauf in die Mansarde. Es war sein persönliches Reich und niemand durfte unaufgefordert darin herumschnüffeln. Besonders nicht die Kinder. Denn er fürchtete, dass seine empfindlichen Instrumente beschädigt werden oder seine Aufzeichnungen verloren gehen könnten. Von seinem Sessel aus erzählte der Großvater Michel, dass es ihm vor einiger Zeit in Paris gelungen war, eine geniale Apparatur zu ergattern, die aus zwei Linsen in einer Röhre bestand und durch die man sehr weit sehen konnte.
"Dank dieser Erfindung hat sich eine ganz neue Welt für mich aufgetan", sagte er, "und vor meinen Augen bist du nun alt genug, in diese Welt einzutreten. Ich sehe für dich eine große Zukunft vor dir liegen. Du hast außergewöhnliche geistige Fähigkeiten und genau deshalb wird ich dir nun alles beibringen, was ich über Astrologie weiß. Bis jetzt habe ich noch niemals jemandem erlaubt, ohne meine Aufsicht in diesem Raum zu sein, doch für dich mache ich eine Ausnahme. Ich gebe dir hiermit die Erlaubnis, alle meine Instrumente und Bücher zu benutzen, wann immer du willst." Sein Großvater stand auf und holte einen langen Gegenstand unter einem verstaubten Tuch hervor.
"Mit diesem Fernrohr, junger Mann, kannst du die Planeten so nahe sehen, dass es scheint, als wärst du dort. Doch zuerst werde ich dir etwas Theorie beibringe, bevor wir das Firmament erkunden." Sein Enkel betrachtete mit seinen Augen, die so groß wie Untertassen waren, ungläubig dieses interessante Gerät.
"Astrologie betrachtet die Beziehung der Ereignisse zwischen dem Kosmos, der Erde und dem Menschen. Aber haben wir darüber nicht schon früher einmal gesprochen?"
Michel schüttelte seinen Kopf: "Nein."
"Mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das was es einmal war, mein Junge. Wie dem auch sei, mittels dieser Forschungen sind wir imstande, Informationen über einen bestimmten Augenblick zu verwenden, um einer Serie von Ereignissen und deren Folgen nachzugehen. Dies ist viel schwieriger als es scheint. Seit undenklichen Zeiten war es akzeptiert worden, dass die Sonne, der Mond und die Planeten unser Leben auf Erden beeinflussen." Großvater stand wieder auf, öffnete den Fensterladen der Mansarde und setzte das Fernglas auf sein Stativ.
"Komm, stell dich hier her. Die Sonne hat sich gesetzt und vielleicht werden wir einige Planeten sehen können. Lass mich mal sehen ob… Dort ist er! Siehst du, Michel, knapp über den letzten Sonnenstrahlen - Merkur, der Planet des Intellekts und geistigen Kapazität." Sein Enkel schaute durch den Apparat und entdeckte einen rosafarbenen, funkelnden Planeten.
"Wie du ja bereits weißt, dreht sich die Erde in einem Jahr um die Sonne und nicht, wie die Kirche behauptet, andersherum. Die pocht auch noch immer darauf, dass die Erde flach ist und man hinunterfallen kann! Die wollen einfach, dass ihre Anhänger unwissend bleiben."
"Aber zieht die Sonne nicht auch jedes Jahr eine eigene Bahn?"
"Ja, aber nicht um die Erde, sondern entlang verschiedener Sternengruppen. Zusammen heißen diese Gruppen Zodiakus - der Tierkreis. Da sind zum Beispiel Zwilling, Widder, Stier, et cetera."
"Ich bin Schütze."
"Unbestreitbar wahr, mein Junge. Jedoch wird es noch einige Zeit dauern, bis die Sonne dort vorbeikommen wird, da wir momentan nicht im Zeitalter des Schützen leben." Wieder guckte der Großvater durch das Fernglas und fuhr mit seiner Geschichte fort.
"Merkur befindet sich immer neben der Sonne und ist aus diesem Grund oft nur undeutlich sichtbar. Doch wie es schein, haben wir heute Nacht Glück", und reichte sein Gerät an Michel weiter.
"Dieser Planet ist aber nicht sehr aufregend", sagte Michel, während er durch die Linse spähte.
"Nun, dann solltest du dir besser den Mond ansehen", sagte der Großvater und hielt dabei am wolkenlosen Baldachin Ausschau nach diesem Himmelskörper. Es war eine aufrichtige Liebe zwischen dem Großvater und seinem Enkelsohn. Vielleicht deshalb, weil sie sich so ähnlich waren. Beide hatten die gleichen Interessen und beide waren von zierlicher Statur. Nur, der jüngere hatte noch sein ganzes Leben vor sich ausgebreitet, was beim Großvater offensichtlich nicht mehr der Fall war.
"Hier, das ist es, was du sehen möchtest", sagte Jean und trat zur Seite.
"Toll!", rief Michel und starrte auf den gigantischen Mond, der mit Kratern, Bergen und Spalten übersät war.
"Da oben läuft jemand herum, Großvater!"
"Haha, das ist aber wirklich komisch. Auch wenn so etwas möglich wäre, so ist er viel zu weit entfernt, um derartige Details erkennen zu können."
"Ich sehe ihn wirklich", beharrte der Junge. "Er steckt gerade eine Flagge mit roten und weißen Streifen und mit Sternen hinein." Jean machte ein ungläubiges Gesicht und nahm das Fernrohr. Dort war sein gewohnter Mond, viel zu weit entfernt um eine Person darauf ausmachen zu können.
"Ich sehe nicht was du siehst, Michel."
"Vielleicht ist es ja etwas, das in der Zukunft passieren wird."
"Alles ist möglich, mein Junge, aber ich kann nur über Sachen reden, über die ich etwas weiß. Ich wollte dir auch noch erklären, wie man ein Horoskop erstellt." Sie ließen den Himmel Himmel sein und setzten sich aufs Bett.
"Um ein Horoskop erstellen zu können, brauchst du eine ganze Anzahl von Einzelheiten, nämlich: Das Datum, die Zeit und der Ort der Geburt. Am wichtigsten aber ist das Geburtsdatum. Lass mich als Beispiel dir dein eigenes Horoskop zeigen." Der Großvater suchte in einer Schublade seines Schreibtisches herum und brachte ein Blatt Papier, bedeckt mit seltsamen Symbolen, zum Vorschein.
"Ist das meins?"
"Lass mich sehen, geboren in Saint Rémy, am 12. Dezember 1503. Ja, es ist deines."
"Eigentlich ist es der vierzehnte."
"Der vierzehnte? Obwohl ich immer alles doppelt und dreifach kontrolliere, muss ich es oben auf der Seite falsch notiert haben. Das muss wohl am Alter liegen", entschuldigte sich der Großvater. "Wie auch immer, du hast ein schwer beladenes Horoskop mit drei äußeren Planeten. Mars, Jupiter und Saturn. Wegen dieser wilden Aspekte wirst du eine eiserne Disziplin brauchen, um deine kreativen Kräfte zu kontrollieren. Sollte es dir nicht gelingen, wird sich diese Kraft ins Zerstörerische umwandeln."
"Meinst du wie Samson, der einen ganzen Tempel einstürzen ließ?"
"Hm, das ist kein guter Vergleich. Auf jeden Fall wirst du lernen müssen, deine Energie zu steuern. Und denke immer daran, dass in jeder Person ebenso viel Gutes wie Böses steckt." Jean lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf das Horoskop.
"Dieses Bild hier zeigt die zwölf Häuser und…" Plötzlich brach seine Stimme. "Ich bin müde", keuchte er, "aber wenn du mehr darüber lernen möchtest, so ist alles in dem dicken Band dort drüben beschrieben", und zeigte auf das Bücherregal. Großvater war nicht mehr länger ansprechbar.

Im Laufe der Zeit widmeten sich Jean und Michel einander immer mehr. Oft verbrachten sie den ganzen Tag in einem alten verborgenen Nonnenkloster*, das einige Meilen südlich von Saint Rémy lag. Sie verbrachten Stunden damit, Bibeln im Original zu lesen. Michel lernte dabei vor allem zum Christengott zu beten und, trotz seiner jüdischen Abstammung, folgte er mühelos den Schriften der Katholiken. Immerhin, es ist der gleiche Gott wie der im Alten Testament, dachte er. Immer während sie beteten, zumindest dann wenn sonst niemand in der Nähe war, summte Jean vor sich hin. Vorausgesetzt das Wetter spielte mit, streunten die beiden von der Priorei aus durch die umliegenden Lavendelfelder, wo sie einen rätselhaften, halbzerfallenen, pyramidenähnlichen Bau vorgefunden hatten. Da sein sehr belesener Großvater immer zu allem und zu jedem einen Kommentar abgeben konnte, wusste er auch dazu etwas zu erzählen.
"Aus altgriechischen Zeiten stammend", berichtete er über diesen Bau und benutzte ihn für eine Ruhepause. Michel hingegen war voller Energie und kundschaftete die Gegend aus, während der Großvater sein gewohntes Nickerchen machte. An einem dieser Tage kehrte er ganz aufgeregt zurück.
"Großvater, etwas weiter dort drüben, da gibt es alle möglichen Löcher, die aus den Felsen herausgeschlagen worden sind. Komm, schau sie dir an." Jean blieb ruhig wo er war und erklärte gleichgültig, dass vor langem Ziegenhirten diese Hohlräume für ihre Ziegen zum Schutz vor Räubern gemacht hatten. Offensichtlich musste er sie schon früher entdeckt haben. Einmal, da konnte er kaum aufstehen und Michel musste ihn förmlich nach Hause schleppen.
In seiner Pubertät angekommen, begann der junge Mann, sich für Mädchen zu interessieren, was seinem Mentor wiederum eine günstige Gelegenheit bot, um mit ihm über die Heirat zweier Seelen zu sprechen. Er erklärte wie die männlichen und weiblichen Seelen sich gemeinsam verbinden können, und dass sowohl das männliche sowie weibliche Prinzip überall im Universum gegenwärtig ist.
"Du meinst, es gibt männliche und weibliche Planeten?", fragte Michel.
"Die Planeten sind im Prinzip alle weiblich. Deshalb nennen sie unseren Planeten 'Mutter Erde'", antwortete Jean.
"Haben wir Männer im Kosmos denn überhaupt etwas zu melden?"
"Nun, die Sterne sind männlich, im Kontrast zu Staub und Dunkelheit, welche weiblich sind. Diese ewigen Gegensätze bilden die Essenz der Alchemie."
Der Junge verbrachte den Großteil seiner Kindheit mit seinem Großvater draußen im Freien. Seine Eltern sahen relativ wenig von ihrem schnell heranwachsenden Sohn. Lediglich zu den Mahlzeiten kamen sie zusammen. Es lag nicht nur alleine an Michel und Jean, dass sie sich so selten sahen, denn Jacques arbeitete schließlich den ganzen Tag über im Notariat und Reynière hatte außer der Haushaltsführung zudem mit den Jüngsten alle Hände voll zu tun. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern war der siebenjährige Antoine eine besondere Herausforderung für sie, da er unaufhörlich ein widerspenstiges Benehmen zur Schau stellte. Ansonsten verstand sich Michel ziemlich gut mit seinen kleinen Brüdern. Aber mit ihnen zusammen spielen? Nein, das kam nun wirklich nicht in Frage.
Die Jahreszeiten zogen angenehm dahin. Bis zu diesem einen traurigen Tag, an dem sie den geliebten Großvater tot in seinem Quartier fanden. Er war aufgrund seines hohen Alters verschieden. Schon für eine Weile hatte Michel beobachtet, wie sein Zustand sich immer mehr verschlechterte und wusste, dass das Ende nah war. Nichtsdestotrotz, war es für alle ein äußerst trauriges Ereignis.
Am Tag der Beerdigung von Jean de Saint Rémy nieselte es. Sie wechselten sich solange mit der Totenwache ab, bis dass alle Familienmitglieder für die Trauerfeier anwesend waren. Der alte Pierre und seine Frau waren den ganzen langen Weg von Grasse gekommen, so wie Jeans drei Schwestern und seine Cousins, die aus dem nahen Marseille angereist waren.
Der katholische Gebetsgottesdienst fand in der Kirche von Selongey statt. Die Familien gingen zu Fuß zur Kirche, dorthin, wo der Sarg aufgebahrt war. Michels Großeltern waren so langsam gegangen, dass er genügend Zeit hatte, um sich aufmerksam am Place des Halles die noblen Häuser mit ihren Türmchen zu betrachten. Schließlich erreichten Sie die Kirche, in der sich bereits viele Freunde und Bekannte versammelt hatten. Am Eingang stieß ein großer, rothaariger Mann versehentlich mit Michel zusammen. Seine Schuhe waren mit Farbe verschmiert. Obwohl er anscheinend kein geladener Gast war, wollte dieser trotzdem hinein. Michel schenkte dem Fremden keine weitere Aufmerksamkeit. Langsam bewegte sich der Trauerzug durch das Tor mit seinen imposanten Rundbogentüren.
Jacques und Reynière schritten vorweg, vorbei an einer Reihe von Säulen, gefolgt von Michel und seinen Brüdern in chronologischer Reihenfolge. Reynière war von ihren Gefühlen überwältigt und vergoss immer wieder Tränen für ihren Vater. Die Trauernden saßen auf hölzernen Bänken in der Hauptkapelle, wo der Sarg in der Mitte aufgebahrt stand. Die Kirche von Selongey besaß mehrere Kapellen, die alle von Fenstern mit blutroten Rahmen erhellt wurden, und wo sich hoch oben das Gemälde eines Apostels befand. Nachdem auch der letzte Besucher seinen Platz eingenommen hatte, begann Pfarrer Bergé, der eine verbleichte rote Schulterbedeckung trug, mit seiner Predigt. Die Trauerfeier war, wie jeder wusste, für die Seele zur Reinigung und für die ewige Ruhe bestimmt.
"Wenn jemand gestorben ist, bedeutet das, dass er unwiderruflich Abschied von dieser Welt genommen hat. Diese Person wird dann bei Gott sein. Dies ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Jene, die ein gutes Leben geführte haben, kommen in den Himmel, und diejenigen, die ein sündiges Leben lebten, kommen in die Hölle. Der Übergang vom Leben in den Tod ist oftmals keine harmonische Reise. Doch der Herr schützt uns alle, denn er versteht das komplizierte Leben der Menschen und er akzeptiert jeden so wie er ist." Als der Priester hinter seinem Pult damit fertig war, umständlich in seiner Bibel zu blättern, begann er, daraus eine ellenlange Passage in Latein vorzulesen.
Michel schaute sich um und entdeckte das Taufbecken, ein umgedrehter Kirchturm, in dem einer seiner Freunde beinahe ertrunken war. Überall brannten Kerzen. Es waren so viele, dass sogar in der vorderen Kapelle das Grabmal des Kirchengründers, dessen eingraviertes Bildnis am Eingang zu sehen war, beleuchtet wurde. Jean begeisterte schon vor langem seinen Enkelsohn für Kunst und Kultur und sie hatten oftmals gemeinsam die Kirche von Selongey besucht. Michel war mit dem Inneren der Kirche sehr vertraut und hätte lieber die Wandmalereien studiert, als Bergés Singsang zuhören zu müssen. Oder den gepanzerten Tresor in der Sakristei! Was er natürlich nicht durfte, auch wenn sein Großvater es prima gefunden hätte. Schließlich hatte er immer gesagt: "Das Leben kommt vor dem Tod."
Endlich lobte der Gottesdiener in gewohntem Französisch den Verstorbenen für seine Barmherzigkeit, woraufhin die Besucher sich wieder gerade aufsetzten. Michel beobachtete den etwas schwerhörigen Glöckner, der ungeduldig darauf wartete seine achtundvierzig Glocken zu läuten, wie er aufstand und die Treppe zum Glockenturm emporstieg.
Indessen besprenkelte der Pfarrer den Körper mit Weihwasser und beweihräucherte ihn, um zu offenbaren, dass der Leichnam des Verstorbenen nun vor Gott heilig war. Der Altardiener sprach noch ein paar weitere Gebete, um für Jeans Sünden um Verzeihung zu bitten.
Nach dem Gesang schritten der Priester und seine Gehilfen mit den nachfolgenden Sargträgern zur Kirche hinaus, denen alle Versammelten folgten und sich während dem Glockenläuten in aller Stille dem Friedhof hinter der Kirche näherten.
Familie, Freunde und andere hinzugekommene Anteilnehmende versammelten sich um das vorbereitete Grab, in das die Sargträger den Sarg langsam hinunterließen.
Reynière warf noch schnell ein paar Blumen auf den Sargdeckel, bevor der Priester, der am Kopf stand, schweigend das Grab segnete und ein 'Vater Unser' sprach. Im Anschluss warf er ein Schäufelchen Erde auf das Grab, begleitet mit den Worten: "Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren." Anschließend verabschiedeten sich alle von dem jovialen Jean, indem sie selbst ein Schäufelchen Erde auf den Sarg warfen und Michel sah zu, wie sein verstorbener Freund langsam seinen Blicken entschwand. Zuletzt bedankte sich Jacques bei allen Anwesenden für deren Anteilnahme, wonach die Familie traurig nach Hause zurückkehrte.
Nach der Trauerzeit besuchten Michel und seine Mutter oben in der Mansarde den geheiligten Ort des Großvaters. Noch immer traurig öffnete Reynière die Fensterläden, um Licht in den Raum zu lassen und gemeinsam machten sie Inventur vom Nachlass des Verstorbenen. Erinnerungen kamen hoch und für eine Weile starrte ihr Sohn blind aus dem Mansardenfenster. Er fühlte sich bedrückt und schwer.
"Diese Mansarde ist jetzt so leblos und verlassen", murmelte er, als seine Mutter unerwartet von einem ihrer Kinder nach unten gerufen wurde.
"Ich bin gleich wieder da, Michel", sagte sie und ließ ihn alleine zurück.
Vom Mansardenfenster aus hatte er einen guten Ausblick auf die Stadt. Ungefähr einen halben Kilometer entfernt entdeckte er ein neues Gebäude, das ohne sein Bemerken gebaut worden war. Eines der Fenster stand offen - es war eines aus Glas. So etwas hatte es noch nie gegeben. Leider war es zu viel zu weit entfernt, um es besser sehen zu können.
Ich weiß, ich kann Großvaters Fernglas benutzen, kam es ihm plötzlich in den Sinn und sah dann jedes Fleckchen des Hauses. Der Jüngling konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick ins Innere zu werfen. Er entdeckte einen hochgewachsenen Mann mit kurzen, dunklen Haaren, der passioniert an einer Staffelei arbeitete.
Warum würde wohl jemand Sonnenblumen nachmalen, fragte sich Michel verwundert. Der Unbekannte stand vor einer Leinwand und tauchte immer wieder seinen Pinsel in Farbe ein. Nach einiger Zeit griff er zu einem anderen Pinsel, den er dazu benutzte, um feinere Details zu malen und dabei immer wieder auf die echten Sonnenblumen, die achtlos auf einem Tisch hinter ihm arrangiert waren, schaute.
Plötzlich hatte der Künstler das Gefühl, also er beobachtet würde und drehte sich ruckartig um. Der heimliche Beobachter war zu Tode erschrocken und fühlte sich erwischt, obwohl er genau wusste, dass er nicht gesehen werden konnte. Dennoch sah es aus, als würde der Fremde ihn anstarren, wenn auch mit einem freundlichen Blick. Erst dann realisierte Michel, dass es ein weiterer Einblick in die Zukunft war. Unmittelbar danach löste sich diese andere Welt auf. Das Haus war komplett verschwunden. Zu schade. Es gibt niemanden, mit dem ich meinen Tagraum teilen kann, dachte er traurig.

Nostradamus Buch in html
Kapitel 2/7
Kapitel 8/16

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